Gamerlife

Generation Nostalgica – Wenn ‚oldschool‘ zum Trend wird

Furcht und Faszination

Besonders in den letzten Jahren hat sich unsere Gegenwart als ein Jahrzehnt der Extreme entpuppt: Nicht nur im sozialen oder im politischen Bereich hat sich eine Schere aufgetan, auch hinsichtlich Literatur und Kultur stehen sich Positionen oft eher kontradiktorisch als ergänzend gegenüber. Im Zentrum all dieser Strömungen, die längst all unsere Lebensbereiche ergriffen hat, steht eine seltsame Mischung aus Furcht vor dem, was kommt, und eine Faszination für das, was kommen könnte: die Zukunft.

Zukunftsvisionen mag es vielleicht schon seit Anbeginn der Aufzeichnungen gegeben haben (der Gilgamesh-Mythos (2600 v. Chr.) steht nach einer Theorie der Literaturwissenschaft als Prototyp für die heutige Science Ficition), so präsent in Kultur und Medien, Literatur, Film, Fernsehen wie heute war sie nie. Das Zeitalter der Dystopien bringt bizarre Zukunftsvisionen, Was-Wäre-Wenn-Konstruktionen, Apokalypse, Postapokalypse und Paralleluniversen auf unsere Bildschirme, lässt uns im Gaming-Bereich die bedrückenden, beängstigenden Visionen eines Lebens nach unserer Zeit, dem Leben unserer Kinder und Kindeskinder hautnah erleben und erinnern uns tagtäglich daran, dass die Welt ja ’sowieso dem Untergang geweiht‘ ist. Die Digitalisierung? Gläserner Mensch. Die wachsende Erdbevölkerung? Wassermangel. Atomkraft? Fallout. Technischer Fortschritt? Androide. Raumfahrt? Extraterrestrische Bedrohung.

Kein Wunder, dass man da irgendwann die Augen zu macht!

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Zugegeben, die Vorstellung, wohin die Reise geht, wenn wir unsere sozialen, politischen, ökonomischen und ökologischen Kurse halten, ist mindestens so spannend und faszinierend wie unerlässlich für unser Fortbestehen. Doch kommt die Zukunft meist nicht gut weg: Utopien sind langweilig und scheinen bei genauerem Hinsehen nicht umsetzbar, Horrorszenarien aus dem Jahre 2221 dagegen sind weit genug entfernt, um nicht zu realisitisch zu wirken, und doch nah genug, um einem eine Gänsehaut zu bescheren. Dass man irgendwann überreizt, übermüdet und vor allem irgendwie beunruhigt davon ist, dass die Zukunft für die Menschen offensichtlich nichts Gutes bereithält, ist nur allzu verständlich.


Historisch vs. Retro

Ein Blick auf die aktuellen Spiele-Charts ergeben ein faszinierendes Bild der gegenwärtigen Trends und Strömungen. Während sich auf der einen Seite Spiele wie Wolfenstein II: The New Colossus, Horizon Zero Dawn, Resident Evil VII, Destiny 2, Observer oder Surviving Mars die Klinke in die Hand geben, was die thematische Darstellung von prä- oder post-apokalyptischen Zukunftsvisionen angeht, gibt es nur rech wenige Vertreter mit thematischem Vergangenheitsbezug. Eines der wohl größten und ambitioniertesten Projekte in diesem Bereich ist wohl das bei Deep Silver / Koch Media erschienene „Kingdom Come: Deliverance“ von Warhorse Studios, die sich mit ihrer Geschichte rund um den jungen Schmiedesohn Heinrich im Böhmen des 15. Jahrhunderts zu Pionieren und Vorreitern des historischen Rollenspiels entwickelt haben.

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© Warhorse Studios / Deep Silver

Zusammen mit ein paar wenigen Ausnahmen wie Assassin’s Creed: Origins oder Life is Feudal sieht es an der Front der ‚historischen Vergangenheit‘ als Thema in Videospielen recht mau aus. Die Form der Nostalgie, die ich in der Einleitung also so provokant vorangestellt habe, äußert sich dafür auf eine andere Weise viel deutlicher; nämlich in den Bereichen Artdesign und Gameplay.

Einer der wohl auffallendsten Trends der letzten Jahre ist wohl das Aufkommen der ‚Pixelart‘ als Kunstform im Bereich des Artdesign, wie es im Bereich der Indie-Games zu beobachten ist. In meinem Themenbeitrag zum #IndieMärz in diesem Monat habe ich bereits angedeutet, dass es sich dabei einerseits sehr wohl um eine gute und vor allem günstige Methode handelt, Spiele zu entwickeln, sich aber längst zu einer eigenständigen Kunst- und Stilrichtung unter Spieleentwicklern gewandelt hat. Als Vorbild der Pixelart-Bewegung gelten Spiele aus den 70er und 80er Jahren, und damit den Anfängen der Spieleentwicklung, Zeiten, in denen grobe Pixel sowie 8-, 16- oder 32-bit-Systeme noch zum einzig verfügbaren Repertoire des Gamedesigns gehörten. Pixelart ist also insofern ‚retro‘, als dass es sich um eine rückwärts-gerichtete Strömung handelt, die an den Grafikstil und die verwendete Technik vergangener Jahrzehnte anknüpft und diese neu aufleben lässt. (Wer sich darüber hinaus noch für Retro-Games interessiert, der sei an dieser Stelle an meine Blogger-Kollegen Retropixels und Yesterplay80 verwiesen, die sich mit diesem Thema wesentlich besser auskennen als ich!)

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Einer etwas anderen Technik, die jedoch gleichfalls als ‚retro‘ bezeichnet werden kann, bedient sich das Indie-Game ‚Cuphead‘ aus dem Hause StudioMDHR Entertainment, das sich vornehmlich an Cartoons der 1930er Jahre und deren Animationsästhetik orientiert. Das Entwicklerteam, bestehend aus den Brüdern Chad und Jared Moldenhauer, zeichnete die Figuren und Hintergründe des Spiels zunächst per Hand, bevor es sie mit Photoshop einfärbten und weiterverarbeiteten. Inspiration für die Figur ‚Cuphead‘ nahmen die Entwickler aus einem Animationsfilm von 1936. Allein die 28.000 positiven Reviews auf Steam, die Cuphead als ‚äußerst positiv‘ bewerten sprechen hinsichtlich der Beliebtheit und der Aufnahme des Spiels im Publikum eine eigene Sprache.


Back to the Roots

Wer sich im Rollenspiel-Bereich etwas auskennt und sich in puncto Neuerscheinungen in den vergangenen Jahren auf dem Laufenden gehalten hat, wird bemerkt haben, dass in diesem Genre eine ganz bestimmte Art von Gameplay und Grafikdesign wiederauflebte: Mit Titeln wie Pillars of Eternity oder Tyranny aus dem Hause Obsidian Entertainment, Spellforce 3 von Grimoire Games und THQ Nordic oder Divinity: Original Sin von Larian Studios häufen sich erst seit kurzem Spiele, die eindeutig nach dem Prinzip des klassischen Rollenspiels funktionieren, wie man sie noch aus den 90er und 2000er Jahren kennt: Die klassische, isometrische Überblicksperspektive vor zweidimensionalem Hintergrund, Steuerung per Point&Click, Echtzeit- oder rundenbasierte Kämpfe, Gruppenmanagement sowie ein Erfahrungs- und Stufensystem. Baldur’s Gate (1998) sowie Planescape Torment (1999) gelten noch heute als zwei der wichtigsten Vertreter des Rollenspielgenres und waren gleichzeitig Vorbild für die Entwicklung eines neuen Rollenspieltypus nach klassischem Rezept. Als Obsidian Entertainment 2012 eine Finanzierungskampagne für Pillars of Eternity auf Kickstarter starteten, erhielt das Projekt (mehr oder weniger) überraschend große Aufmerksamkeit. Mit einer Crowdfunding-Summe von über 4,3 Millionen Dollar zur Entwicklung eines Rollenspiels mit klassichen Vorbildern wird klar, wie groß die Nachfrage damals wie heute gewesen sein muss. Sein Nachfolger ‚Pillars of Eternity II: Deadfire‘ wird noch dieses Jahr erscheinen.

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© Obsidian Entertainment, Paradox Interactive


Aus Alt mach Neu

In einer Spontanumfrage auf Twitter habe ich euch vergangene Woche gefragt, wie ihr zu den Themen ‚Remaster‘ bzw. ‚Remake‘ steht und bekam dabei ein nicht allzu überraschendes Ergebnis. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass die Twitter-Umfrage mit Sicherheit keine repräsentative Studie darstellt, dafür aber dennoch eine gewisse Tendenz unter Gamern aufzeigen könnte. Mein Umfrage-Tweet lautete:

 

Von 30 Twitter-Nutzern gaben knapp 80% auf die Frage hin, ob Remasters bzw. Remakes von geliebten Spielen aus der Vergangenheit eine Investition wert wären. In den Kommentaren gab es daraufhin einige Vorbehalte, dass sicher nicht jedes Spiel einen Remake bzw. Remaster wert wäre, doch der allgemeine Ton scheint der aktuellen Markttendenz gegenüber positiv gestimmt zu sein. Egal ob Enhanced Editions von Spielen wie dem eben genannten Baldur’s Gate oder Planescape Torment, ein Remake des JRPG-Klassikers Final Fantasy 7 oder Secret of Mana, der die Spiele auf den Stand der aktuellen Grafik- und Gameplay-Standards bringen will, Remastered Editionen von Adventure-Klassikern wie den Monkey Island Spielen oder Neuauflagen für jede Konsolengeneration seit Erstveröffentlichung wie bei Kingdom Hearts … Wir leben heute in einer Zeit, in der das Recyclen bereits da gewesener Contents längst keine Seltenheit mehr ist – vielmehr scheint daraus eine Norm erwachsen zu sein. Ob man diese Tendenz gut oder schlecht findet, bleibt einem jeden selbst überlassen; aber die Tatsache, dass der Markt von Neuauflagen, Remasters, Reworks und Remakes nur so überschwemmt wird ist unausweichlich darauf zurückzuführen, dass es für diese Art von Spielen eine Kundschaft gibt. Die Gründe für eine Investition in neu aufgelegte Spiele variiert laut der Diskussion unter meiner Umfrage zwischen:

Dem Nachholen verpasster Spiele…

… der Instandhaltung und der Kompatibilität von Klassikern mit aktuellen Betriebssystemen…

… und dem nostalgischen Schwelgen in Erinnerungen an vergangene Zeiten:

Sind wir nun also eine Generation Nostalgica? Im Sinne einer Generation von Spielern, die sich nach einer Zeit sehnt, in der der Markt nicht von einer Grafik-über-Spielerlebnis-Mentalität, geldgierigen Lootbox-Imperialisten und erschreckenden Zukunftsvisionen beherrscht wurde, die den Untergang der Menschheit voraussagen, würde ich sagen ja. Nostalgie ist in Anbetracht einer ungewissen Zukunft und kritischer Missstände auf dem Markt ein sehr mächtiges Gefühl. Wer wünscht sich nicht – zumindest für einen Tag – zurück in eine Zeit, in der man nach der Schule die Tasche in eine Ecke gepfeffert und sich vor den Fernseher gekuschelt hat, um in Ruhe das eine Spiel spielen, das einen die ganze Kindheit lang begleitet hat? Nachts unter der Bettdecke mit der Taschenlampe die erste Pokémon-Liga bestreiten? Mit Freunden beim Donkey Kong versagen und eine Party feiern, wenn man das schwierigste Level geschafft hat?

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Doch Nostalgie kann auch gefährlich sein. Denn es passiert leicht, dass man die Dinge besser in Erinnerung behält, als sie tatsächlich gewesen sind – und man fühlt sich furchtbar desillusioniert, wenn man ein Spiel startet, das man zuletzt vor 10, 15 oder 20 Jahren gespielt hat und feststellt, dass man es irgendwie gar nicht mehr toll findet. Dass man verwöhnt ist von den Grafik-, Technik- und Gameplay-Innovationen unserer Zeit. Und plötzlich fällt das warme Gefühl der Nostalgie, dem man in der Erinnerung an ein bestimmtes Spiel und der damit verbundenen Zeit begegnet war, in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Hat es sich dann gelohnt?

 

1 reply »

  1. Habe vor ein paar Jahren mal ein ernüchterndes Experiment mit einem C64 Emulator gemacht und einige der Perlen aus meiner Erinnerung von damals gestartet. Das Ergebnis war zum Teil recht ernüchternd.
    Mein Fazit: Die gute alte Zeit lieber in rosiger Erinnerung behalten und die Erinnerungen nicht durch Wiederholungsversuche kaputt machen wie du auch zuletzt schriebst. Manches muss man eben zu seiner Zeit erlebt haben.
    Allerdings ist manches auch ganz gut gealtert und noch immer spaßig.

    Remaster von alten Spielen die dezent modernisiert wurden sind aber eine tolle Sache. Die sehen idealerweise so aus und spielen sich so wie man das Original in Erinnerung hatte (und nicht wie sie tatsächlich waren 😉 )

    Gefällt 1 Person

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