Action

[Review] Vampyr – Jonathan Reid, ein Gentleman mit Biss

Vampyr

Genre: Action, Rollenspiel
Plattform: PlayStation 4, Xbox One, PC [Steam, GoG]
Erscheinungsdatum: 5. Juni 2018
Entwickler: DontNod Entertainment
Publisher: Focus Home Interactive
Sprache: Deutsch, Englisch u.A. [Schrift, Sprache]
Preis: 49,99€

Hier geht’s zum Spiel…


Lasst mich durch, ich bin Arzt

Wir schreiben das Jahr 1918: Der erste Weltkrieg hat gerade erst sein Ende gefunden, die Welt liegt in Trümmern und während Europa sich die Wunden leckt, treibt in London City eine gefährliche Seuche ihr Unwesen. Die Krankheit, die wir heute als Spanische Grippe kennen, rafft tausende Menschen qualvoll dahin – unter ihnen auch den Chirurgen und Kriegsveteranen Jonathan Reid, der gerade erst aus dem Krieg vom Festland zurückgekehrt ist. Dass es nicht wirklich die Grippe war, die Dr. Reid dahingerafft hat und ihn nun, in den ersten Spielminuten, etwas lädiert und doch kerngesund aus einem Leichenberg in East London wiederauferstehen lässt, wird recht schnell offensichtlich; Jonathan ist gebissen worden. Und der Blutdurst, der ihn daraufhin überkommt, ist zerstörerisch und gefährlich – sowohl für ihn, als auch für seine nähere Umgebung. Also bleibt ihm zunächst nichts anderes übrig, als zu fliehen, und erstmal irgendwo Unterschlupf zu suchen, um seine Gedanken zu ordnen und die nächsten Schritte zu planen, die er in seinem neuen, unsterblichen Leben gehen will.

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© Dontnod Entertainment

Auf der Flucht vor einer Bande verrückter Vampir-Jäger laufen wir dem liebenswerten Dr. Swansea in die Arme, der uns sogleich als „der berühmte Dr. Reid“ erkennt und uns trotz unserer Vampirismus-Krankheit großzügig bei sich, in seinem persönlichen Krankhaus, dem Pembroke Hospital, willkommen heißt. Bald stellt sich heraus, dass unser gutmütiger Kollege aus einer Freundschaft mit uns nur profitieren kann: Denn Jonathan ist nicht nur einer der bewandertsten Doktoren und Forscher auf dem Gebiet der Bluttransfusion, er ist jetzt auch ein Unsterblicher – und dass Vampirblut besondere Kräfte haben soll, ist schließlich aus der Folklore längst bekannt. Zu Forschungszwecken ist Jonathan also in jedweder Hinsicht interessant für seinen übermütigen Kollegen. Doch wir wären nicht Dr. Reid, wenn wir es uns allzu leicht bequem machen würden. Vielmehr werden wir, seit wir aus dem Massengrab gestiegen sind, eigentlich nur von immer wiederkehrenden, leidigen Fragen gequält: Wer hat uns zum Vampir gemacht? Wie hat man uns zum Vampir gemacht? Und vorallem – warum? Jonathan ist voller Hass und Reue für die Opfer, die er nach seinem Erwachen in einem Blutrausch getötet hat und schwört sich, nicht nur seinen Macher zu finden und ihn dafür büßen  zu lassen, sondern er ist auch voller Optimismus, eine Heilung für seinen Zustand finden zu können.

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© Dontnod Entertainment

Während wir uns also auf die große Rache vorbereiten, helfen wir im Hospital – und den Straßen Londons – dabei, Krankheiten zu heilen und die persönlichen Probleme der Anwohner durch unser beherztes Eingreifen zu einer Lösung zu bringen. Entscheidet man sich dazu, sich seinen Gelüsten nach Blut hinzugeben, geschehen diese „Einmischungen“ nicht ganz uneigennützig: Denn je mehr wir über die zivilen Bewohner Londons (sprich: die NPCs) erfahren, die uns begegnen, und je gesünder sie sind, desto mehr Erfahrungspunkte erhalten wird dafür, wenn wir uns an ihrem Blut laben. Richtig gehört! Ihr könnt so gut wie jeden ansprechbaren NPC in eine dunkle Ecke locken und ihr Blut saugen, wenn ihr das denn gerne möchtet. Auf diese Weise erhaltet ihr viele EP und könnt eure vampirischen Fähigkeiten sehr gut ausbauen. Aber Achtung! Ihr könnt nur solche NPCs mesmerisieren, also hypnotisieren, und euch an ihnen laben, wenn sie eine niedrigere Bannstufe haben als ihr. Bannstufen erhaltet ihr im voranschreitenden Spielverlau.

Vom Frischling zum Ekon

Wenn ihr euch aber, so wie ich, dazu entscheidet, dass euer Dr. Reid ein ehrenhafter Gentleman bleiben soll, der eher das Blut von Ratten trinken würde (ja, das geht!), als von anderen unschuldigen Menschen Blut abzuzapfen, dann habt ihr es von vorneherein etwas schwerer. Erfahrungspunkte erhaltet ihr Mühsam über das Erledigen von Quests und das Offenlegen von Hinweisen zu den Personen sowie durch das bestreiten von Kämpfen in den Straßen Londons. Das klingt jetzt vielleicht viel, geht im Gegensatz zur Alpha-Vampir-Variante aber relativ langsam. So richtig schwer wurde es dadurch aber nicht, denn obwohl ich nicht der geschickteste Spieler bin, kam ich trotzdem immer relativ gut und zügig in der Story voran. Was es bringt, vampirischer Vegetarier zu bleiben? Nun, zumindest eine Trophäe im PSN oder einen Erfolg auf Steam – und das ist für Sammler wie mich manchmal alles, was zählt.

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© Dontnod Entertainment

Wir steigen nicht automatisch im Level auf, wie wir es aus anderen Rollenspielen gewöhnt sind. Stattdessen sammeln wir so viele Erfahrungspunkte, wie wir möchten, und begeben uns dann in unser Quartier, um uns dort auszuruhen (schließlich sind wir ein Vampir und Vampire schlafen tagsüber, schon vergessen?). Kurz bevor sich Jonathan zur Ruhe bettet, bekommen wir die Möglichkeit, unsere Erfahrungspunkte in Skills und passive Fähigkeiten zu investieren. Die Auswahl ist angenehm groß, ohne zu unübersichtlich zu werden, und rangiert zwischen aktiven Angriffsfähigeiten wie Klauen, Speer oder Blutmagie, über defensive Techniken wie Schild oder Stun, bis hin zu Mobilität und einer von drei ultimativen Fähigkeiten. Ansonsten besitzen wir außerdem von grundauf die Fähigkeit „Biss“ im Kampf einzusetzen und unseren Gegnern, die hauptsächlich aus Vampirjägern und anderen Blutsaugern bestehen, ordentlich Blut abzuzapfen, um uns damit zu heilen oder sie als Ressource für die anderen Fähigkeiten zu verwenden. Bei manchen Fähigkeiten, wie beispielsweise die Autophagie, mit der wir uns im Kampf selbst heilen können, spalten sich die Skillbäume gleich in mehrere mögliche Wege auf, sodass wir uns auch hier wieder angenehm indiviualisieren können. Denn alles werden wir mit den Erfahrungspunkten, die wir im Spielverlauf erhalten, nicht skillen können – wir müssen uns also entscheiden, in welche Richtung wir uns spezialisieren möchten.

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Buffy, nur anders

Bald finden wir heraus, dass die Spanische Grippe nicht alles ist, was in den Gassen Londons dieser Tage sein Unwesen treibt: Skrals, also niedere Vampire mit einer ausgeprägten Wildheit und einem üblen Durst nach Blut und Fleisch, machen die Straßen bei Nacht unsicher und fallen über alles her, was sich bewegt. Sie sind flink, können sich teleportieren und versuchen werfen sich auf uns, wenn wir ihnen zu nahe kommen, um unser Blut zu sagen (in dieser Welt sind Vampire nämlich nicht grundsätzlich blutleer und dadurch ebenso leckere Trinkbeutel wie Menschen). Eine Frage, die sich mir während des Spielens immer wieder aufdrängte war: Wieso um alles in der Welt, ist das noch niemandem aufgefallen? Die Menschen in der Stadt scheinen von der übernatürlichen Bedrohung keine Notiz zu nehmen und nur ein oder zwei einzelne Personen glauben tatsächlich daran, dass es „Monster“ gibt – werden dafür allerdings bloß belächelt. Wie aber kann das sein, wenn ich hinter der nächsten Straßenecke zum tausendsten Mal von einem Skral angefallen und gebissen werde? Rein lore-technisch entbehrt dies jeglicher Logik. Auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass in einem Spiel, das Kämpfen im Fokus hat, Gegner auch irgendwo ihren Platz brauchen.

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© Dontnod Entertainment

Wo wir auch schon beim Kampfsystem wären, das sich eigentlich recht einfach zusammenfassen lässt. Wir besitzen drei visualisierte Balken, auf die wir im Kampf Acht geben müssen: Unser Leben (logisch), unsere Ausdauer (zum Ausweichen und Zuschlagen) und unsere Blutpunkte (die wir durchs Blutsaugen erhalten und als „Mana“ für Fähigkeiten verwenden). Dann besitzen wir zwei unterschiedliche Waffensets, die wir bestücken können, wie wir wollen. Entweder wir entscheiden uns für zwei Einhandwaffen bzw. Haupt- und Nebenhand oder wir nehmen eine zweihändige Waffe, die langsamer ist, dafür aber mehr Schaden anrichtet. Wählen wir die erste Variante, verursachen wir mit unserer Haupthand den Schaden und mit unserer Nebenhand (beispielsweise durch einen Pflock) schocken wir unsere Gegner, bis sie bewegungsunfähig werden und wir sie kräftig in den Hals beißen können, um unsere Blutpunkte wieder aufzufüllen. Da wir bei der Zweihandwaffe auf eine Waffe limitert sind, verursacht diese meisten Schaden und Schock gleichzeitig, was sehr angenehm zu spielen ist.

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Simple as that. Auf den Schultertasten können wir dann noch die von uns geskillten, aktiven Fähigkeiten ablegen, die uns Blutpunkte kosten und eine Abklingzeit haben, die je nach Skill variiert. Trotz der recht großen Auswahlmöglichkeiten an Skills bleiben wir aber dennoch auf insgesamt vier Fähigkeiten und zwei Knopfdrücke für physische Angriffe limitiert. Besonderes Letzteres führt dazu, dass man sich mit voranschreitendem Spielfortschritt vom Kampfsystem leicht gelangweilt fühlt, da es im Kampf selbst nicht allzu viel Möglichkeiten gibt, seine Gegner zu erledigen. Natürlich könnte man die Waffen (die alle nochmals eigene passive Eigenschaften besitzen) und Skills regelmäßig tauschen, das hilft, doch ich selbst habe mich oft dabei erwischt, wie ich aus reiner Bequemlichkeit einfach immer dazu tendiert habe, meine Gegner zu schocken, sie auszusaugen, dann wieder zu schocken und auszusaugen, bis sie tot zu Boden gehen. Eines muss man dem Spiel lassen: Blutsaugen hat sich wahrscheinlich noch nie so episch angefühlt!

Leider konnte mich das Kampfsystem ansonsten nicht allzu sehr aus der Reserve locken und ich habe mich im Große und Ganzen lieber mit der Gescichte und den NPCs beschäftigt, als mich durch die immergleichen Gegnerhorden von Skrals, Vampirjägern und später noch anderen Arten von Vampiren zu beißen. Zumindest entwickelten sich die Gegner mit ansteigendem Level zunehmend weiter, die Vampirjäger rüsteten sich mit neuen Waffen und Skills auf und reagierten dadurch auf meine eigene Stärke – doch ihre Bewegungsabläufe blieben trotzdem immer gleich; hatte ich sie also einmal gelernt, war es ein leichtes, den Angriffen auszuweichen und bis zu ihrer Kehle vorzudringen.

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© Dontnod Entertainment

Gut gerüstet ist halb gewonnen

Wenn wir uns nicht gerade in einem tiefgründigen Gespräch mit einem NPC oder im Kampf mit einem wildgewordenen Blutsauger befinden, können wir uns in unser Gemach zurückziehen und etwas Forschung betreiben. Im Verlauf des Spiels finden wir beispielsweise viele unterschiedliche Waffentypen, die, wie bereits angedeutet, alle ihre eigenen passiven Fähigkeiten mitbringen. Während der Skalpell als Nebenwaffe unseren Gegnern bei jedem Treffer Blut abzapft, hilft uns der Pflock in der Nebenhand dabei unsere Gegner zu schocken. Die Säge ist leicht und schnell und zapft unserem Gegner – wie der Skalpell – als Hauptwaffe bei jedem Treffer etwas Blut ab, der Knüppel ist allerdings fast genauso schnell, kann statt Blutabnehmen allerdings schocken; dafür verbraucht er aber wiederum bei jedem Schlag noch mehr Ausdauer als die Säge. Und wer keine Ausdauer mehr hat, der kann weder Ausweichen noch Angreifen und ist damit zumindest für einen kurzen Moment stark verwundbar. Es gilt also abzuwägen, welche Waffe für einen die richtige ist. Es hängt stark davon ab, ob wir als Spieler im Kampf lieber Schock oder doch lieber mehr Blutmagie verwenden möchten.

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An unserer privaten Werkbank können wir jede dieser Waffen nochmals weiter aufwerten. Dazu benötigen wir bestimmte Materialien, die wir entweder nach Zufallsprinzip in der Spielwelt oder als Loot von unseren Gegnern erhalten, beim Händler erstehen oder beim Zerlegen von Gegenständen erhalten können. Jede Stufe, die unsere Waffe aufsteigt, bringt Auswahlmöglichkeiten mit sich, bei denen wir entscheiden, wie wir uns mit einer gewissen Waffe spezialisieren möchten: Wollen wir mehr Schaden oder mehr Schock verursachen? Wollen wir lieber noch mehr Blut abzapfen oder soll unser Angriff weniger Ausdauer kosten? Durch diese Möglichkeiten zur individuellen Ausrichtung erhält sonst recht einfach gehaltene Kampfsystem deutlich an Spieltiefe – die Waffenspezialisierungen lassen sich auch jederzeit wechseln, man benötigt allerdings für jeden Wechsel immer wieder die selben Materialien. Schade nur, dass die Waffenstufen sehr stark vom Spielfortschritt und damit von der Hauptstory abhängig sind, da die Materialien für die höheren Stufen erst später droppen. Wenn jemand wie ich lieber erstmal gründlich Nebenquests macht, um das Blutdefizit auszugleichen, wie es das Los eines rechtschaffenden Vampirs nunmal ist, wird eine gefühlte Ewigkeit lang auf Waffenstufe 3 herumgurken, weil die vierte Waffenstufe – und alles was danach kommt – erst ab Kapitel 4 bzw. 5 freigeschaltet wird. Viel mehr Sinn hätte es doch gemacht, die gefundenen Materialien an das Level des Spielers (oder des Gegners) zu koppeln…

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© Dontnod Entertainment

Neben Waffen können wir in unserem Unterschlupf auch Medizin herstellen, mit der wir kranken NPCs dabei helfen können, zu genesen. Wir erinnern uns: Gesunde NPCs bringen mehr Erfahrungspunkte, wenn wir ihr Blut saugen wollen. Es gibt jedoch noch einen anderen Grund, aus dem wir uns ausdrücklich um die Gesundheit unserer Mitbürger kümmern sollten: Mit jedem verstrichenen Tag (Tage verstreichen, wenn wir uns ausruhen, um unsere Erfahrungspunkte in Fähigkeiten zu investieren) verändert sich der Gesundheitszustand der einzelnen Distrikte von London. Die Menschen werden krank und wenn wir sie nicht behandeln, werden sie sogar noch kränker. Fällt der allgemeine Gesundheitszustand eines Stadtteils auf „kritisch“, wendet sich ihre Bevölkerung gegen Dr. Reid und unser Vorankommen in der Hauptstory wird dadurch deutlich erschwert. Wir sollten also immer brav unserer Profession als Arzt nachgehen, ganz gleich, ob wir einen Nutzen aus der Gesundheit der Menschen ziehen wollen oder nicht.

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© Dontnod Entertainment

Warum Dr. Jonathan Reid für mich ein Held ist

In Vampyr haben unsere Entscheidungen Einfluss auf das Spielgeschehen. Wir können uns nicht nur dazu entscheiden, ob wir das Blut von Unschuldigen trinken wollen oder nicht, wir können an mehreren wichtigen Stellen im Spiel auch gewisse Entscheidungen treffen, die die Zukunft eines Distriktes und deren Bewohner beeinflussen können. Dabei wird uns freie Hand gelassen. Und doch habe ich das Gefühl, dass Jonathans Charakter gar nicht richtig darauf ausgelegt ist, ein böser, machtgieriger Blutsauger zu sein (auch wenn man ihn als solchen spielen könnte). Während der Dialoge, die wir mit den NPCs führen, sind seine Antworten – wie will man es von einem Mann mit britischer Erziehung auch anders erwarten – stets freundlich, polite, auf eine führsorgliche Weise sanft und doch bestimmt. In einer Zeit, in der die Rechte der Frauen, trotz jüngst erworbenen Stimmrechts, noch immer so gut wie nicht vorhanden sind, Rassismus und Homophobie an der Tagesordnung stehen, verkörpert Jonathan das Ebenbild eines aufgeklärten und sehr gebildeten Mannes, der seiner Zeit sehr weit voraus ist und damit zu einer wunderbaren Idenfikationsfigur für seinen Spieler wird.

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© Dontnod Entertainment

Egal, ob es um die Rechte der Frauen, der Einwanderer oder Menschen anderer sexueller Orientierung geht, die Entwickler geben uns nicht die Möglichkeit, mit Jonathan den veralteten Ansichten einer längst vergangenen Zeit zu frönen, sondern geben uns einen Hauptcharakter an die Hand, der für Aufklärung und Toleranz einsteht. Wie könnte ein solcher Charakter, der – schon allein durch seine Profession als Arzt – eine deutliche Menschenliebe an den Tag legt (und das in einer Zeit in der Krankheit, Tod, Hass, Armut, Gewalt und Intoleranz an der Tagesordnung sind), ein bösartiges, menschenfressendes Monster sein? Vielleicht macht es gerade deswegen den Reiz aus, ihn als solchen zu spielen, um zu sehen, ob er innerhalb dieses persönlichen Zwiespalts funktionieren, vielleicht sogar wachsen kann. Zum Glück bleibt einem die Entscheidung hier ganz selbst überlassen.

Fazit

Wenn ich über ein Spiel so viel schreiben kann, wie über Vampyr, dann ist das in der Regel ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass mir die Entwickler genug an die Hand gegeben haben, um darüber zu reflektieren und mich damit auseinanderzusetzen. Dass ich mich an dieses Spiel überhaupt gewagt habe, obwohl ich eigentlich eine große Angst vor Horrorspielen und Zombies habe, zeigt doch schon, wie viel Vertrauen ich in die Entwickler von DontNod, die Macher von Life is Strange, gesetzt habe. Und sie haben mich nicht enttäuscht! Vampyr ist ein fantastisches Spiel mit einer düsteren, unglaublich spannenden Story, vielen individuellen, starken Nebencharakteren, einem spaßigen – wenn auch etwas einseitigen – Kampfsystem und einem Hauptcharakter, mit dem man sich nicht nur wunderbar identifizieren, sondern in den man sich auch mal eben ganz leicht vergucken kann. Die Auswahlmöglichkeiten, wie wir uns im Umgang mit anderen Charakteren verhalten möchten, geben den Charakteren eine deutliche Tiefe, sind allerdings nicht halb so ausgefeilt und präsent wie in anderen storylastigen Titeln wie Life is Strange. Dafür machen die vielen Nebencharaktere mit ihren ganz eigenen Geschichten und zugörigen Nebenquests das recht schnell wieder wett.

Hinsichtlich des Kampfsystems hätte ich mir noch mehr Anreize gewünscht, nicht nur zwischen zwei gängigen Strategien zu wechseln – ein paar ordentliche Schlagkombos oder ein paar mehr Fähigkeiten im Bereich der Blutmagie hätte das Spiel schon vertragen können. Neben weiteren Kleinigkeiten wie der Frage, warum niemandem (und schon gar nicht der Presse) auffällt, dass nachts hinter jeder Ecke ein Skral lauert, gibt es auch noch ein paar technische Sachen, die ich zu bemängeln habe: So legen so gut wie alle Charaktere eine recht steinerne Miene an den Tag, wie sie nach heutigen Grafikmaßstäben eigentlich nicht mehr vorkommen müsste. Auf der PlayStation 4 Pro kam es immer wieder zu extremen Ladezeiten, selbst wenn es nur darum ging, einen Dialog zu laden und immer wieder passierte es, dass Gegner plötzlich aus dem Nichts auftauchten, weil ihre Textur noch nicht geladen war. Hin und wieder kam es auch zu Bugs, bei denen Gegner in Texturen hängen blieben oder sogar das ganze Spiel freezte.

Nichtsdestotrotz habe ich Vampyr tagelang nicht weglegen können und bin noch immer der Meinung, dass DontNod Entertainment mit diesem Spiel einen Klassiker geschaffen haben, der zwar nicht absolut perfekt, aber dafür mit wahnsinnig viel Liebe zum Detail, zur Geschichte und den Charakteren geschaffen worden ist.


Wertung: 95%

+ spannende Story von Anfang bis Ende
+ runde, interessante und individuelle Charaktere
+ ausbalanciertes Entscheidungssystem
+ interessante Distrikt-Gesundheitsmechanik
+ schöner, düsterer und melancholischer Soundtrack
+ im englischen Original wunderbar synchronisiert
+ herausforderndes Kampfsystem mit anspruchsvollen Gegnern
+ wunderschöne, historisch adäquate Spielwelt
+ Blutsaugen!


– Kampfsystem z.T. etwas eintönig
– logische Ungereimtheiten (Skrals?)
– eingeschlafene Gesichter der Figuren
– manchmal etwas ZU viel Dialog
– einige Bugs

Ich danke dem Team von Koch Media für die Bereitstellung des Presseexemplars!

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