#Spotlight

#Spotlight: Marie’s Room – Ich weiß, was du damals getan hast

Während ich in den letzten Tagen orientierungslos versuchte, ein Spiel zu finden, das meiner wankenden Laune endlich Linderung verschafft, stieß ich auf Steam auf den Free2Play-Indie-Titel namens „Marie’s Room“. Die Bewertungen überschlugen sich und versprachen ein kurzweiliges Abenteuer von nicht mehr als einer Stunde. Es entpuppte sich als mehr als das.


Was ist #Spotlight?

Mein neues #Spotlight-Format möchte ich nutzen, um auf meinem Blog für etwas Abwechslung zu sorgen. Es soll mir nicht vorrangig darum gehen, ein Spiel in all seiner Ausführlichkeit genau auf Herz und Nieren zu erproben und zu rezensieren, wie ich es in meinen Reviews tue; #Spotlight soll mir die Möglichkeit geben, kurz und impulsiv über Spiele zu schreiben, die mir im Alltag begegnen. Spiele, die ich eventuell nur angezockt habe, Spiele, die ich bereits vor Jahren durchgespielt und nun wieder hervorgekramt habe, etc. Im #Spotlight möchte ich lernen mich kurzer zu fassen und mich freier auf einzelne Aspekte eines Spiels konzentrieren zu können, wenn mir danach ist. Einfach eine Beitragsreihe für Freude, Ärger und Gedankenspiele – Möge das Spiel beginnen!


Zwei ungleiche Freundinnen

Marie und Kelsey sind beste Freundinnen. Dass das nicht immer so war, finden wir auf unserer Entdeckungstour durch Maries Zimmer recht schnell heraus: Kelsey die hübsche, edgy Rockerbraut und Marie, die sich in ihrem Leben oft einsam und befangen fühlt – beide beneiden sie den jeweils anderen um eine Eigenschaft oder einen Besitz, den sie selbst nicht besitzen, und trotzdem – oder vielleicht gerade dadurch – ergänzen sie sich in ihren Stärken und Schwächen wie zwei füreinander geschaffene Puzzleteile.

Als wir mit Kelsey in der Ego-Perspektive Maries Zimmer zum ersten Mal betreten, fällt uns gleich das zurückgelassene Tagebuch auf, dass die Bewohnerin dort auch nach ihrem Auszug aus dem vertrauten Elternhaus, an Ort und Stelle liegen gelassen haben muss. Mit der Frage auf den Lippen, wieso jemand etwas so Wichtiges und so Privates einfach für alle Welt zugänglich macht, statt es stets bei sich zu tragen wie ein Schatz, greifen wir danach und erleben sogleich eine Veränderung im Raum: Plötzlich stehen alle Möbel wieder an ihrem Platz, die Bettdecke ist achtlos von der Matratze gerutscht, als hätte eben noch jemand darin geschlafen, und gegenüber stapeln sich die Pizza-Kartons und leeren Limo-Dosen. Maries Tagebuch ruft in Kelsey eine Erinnerung hervor, die so schlicht und alltäglich wirkt, dass man bald beginnt, sich unglaublich wohl zu fühlen.

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© Kenny Guillaume, Dagmar Blommaert

Maries sprechendes Zimmer

Die Entwickler haben sich viel Mühe bei der Gestaltung des Raums gegeben. Jedes noch so kleine, leserliche Detail wie die Spardosen auf dem Schränkchen oder der etwas chaotische Schreibtisch, bis hin zur Platten-Sammlung in der linken hinteren Ecke des Raums sieht aus, als sei sie gerade so aus dem echten Leben in die virtuelle Welt übertragen worden; man fühlt sich, als gehöre einem der Raum, denn man kann sich frei in ihm bewegen, er wirkt vertraut. Die herumliegenden Kinkerlitzchen, Spielkarten, Dosen, Katzenspielzeug, Bücher, alte Handys, gesammelte Gegenstände von der Straße… das alles macht einen unglaublich realistischen, gemütlichen Eindruck und schafft eine wohnliche Atmosphäre. Am liebsten würde man gleich selbst einziehen.

Doch je näher wir ins Detail gehen und je mehr wir die einzelnen Gegenstände auch wirklich eingehend betrachten, erfahren wir mehr darüber, wer in diesem Zimmer tatsächlich einmal gehaust hat. Hauptfigur Kelsey erzählt zu scheinbar unscheinbaren Gegenständen Anekdoten und Geschichten aus ihrem Leben mit Marie und lässt uns so an ihrem Erinnerungsprozess live teilhaben. Während die Geschichten am Anfang noch zufällig und zusammenhangslos erscheinen, fügen sie sich bald zu einem größeren Ganzen zusammen und geben – psychologisch wie narrativ – einen unglaublich detaillierten Blick auf Kelsey und Marie, ihre Charaktere, ihre Schicksale, ihre Freundschaft und die Geschehnisse aus dem Sommer vor 20 Jahren.

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© Kenny Guillaume, Dagmar Blommaert

Die Suche nach der Wahrheit

Festgehalten werden diese in dem Tagebuch, das noch immer wie ungerührt auf dem Bett verweilt, während wir uns ungehindert in der Vergangenheit umsehen können. Kelsey teilt uns ihre Erinnerungen und Eindrücke bei der Betrachtung der unscheinbaren Alltagsgegenstände direkt mit – Maries Seite der Erzählung finden wir dagegen in schriftlicher Form in eben jenem Tagebuch auf dem Bett: Mit jedem neuen Gegenstand, mit dem wir im Raum interagieren, schalten wir eine neue Seite ausgefüllte frei, die thematisch genau dazu passt und auf der Marie ihre Sicht der Dinge, ihre Sorgen, Ängste und Freuden gleichermaßen verschriftlicht hat. Wir lesen von ihrem Wunsch, mit Kelsey befreundet zu sein, von ihrem Unvermögen, an sie heran zu kommen, wir lesen von Kelseys Nöten, den dunklen Geheimnissen und von einer Freundschaft, die all das überstanden hat.

Doch irgendwann kommt es zu einem Wendepunkt. Es wird schnell klar: Irgendwas stimmt hier nicht. Was ist das für ein großer, dunkelroter Fleck auf dem Parkett-Holzboden? Wieso finden wir in Maries altem Laptop eine geöffnete Website, die Waffen verkauft? Was soll der verschlossene Koffer unterm Nachtschränkchen? Und wo zum Teufel ist Marie?

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© Kenny Guillaume, Dagmar Blommaert

Die Stimmung schlägt um. Kelseys und Maries Freundschaft birgt ein dunkles Geheimnis. Ein Tag im Sommer vor 20 Jahren. Ein Orangenbaum. Ein Pool. Eine Tragödie. „Marie’s Room“ arbeitet geschickt mit Musik, mit Licht, mit Atmosphäre und mit der angenehmen, sympathischen Stimme von Kelsey – Ohne, dass wir auch nur einen einzigen Menschen zu Gesicht bekommen, transportiert ein Raum so viele Emotionen und Informationen, wie wir sie sonst nur in einem Buch oder einem Film zu sehen bekämen. Dabei entwickelt das Spiel seine eigene Strategie zur Narration, lässt den Spieler hinein in die Gedankenwelt zweier völlig fremder Personen und lässt ihn nach knapp einer Stunde Spielzeit wieder hinaus in eine Welt ohne sie, dafür aber um ein fantastisches Erlebnis reicher.

„Marie’s Room“ ist ein Spiel für eine ruhige Auszeit. Ohne Auto- und manuelle Speicherung ist man geradezu gezwungen, es in einem Rutsch durchzuspielen und damit sogleich das Werk in seiner Gesamtheit zu erfahren. Von nur zwei Personen, nämlich Kenny Guillaume und Dagmar Blommaert, geschaffen, birgt es eine fantastische, wahnsinnig feinfühlig erzählte Geschichte, die einen ab einem gewissen Zeitpunkt derart mitreißt, dass man gebannt vor dem Bildschirm sitzt und für einen Moment nicht atmen kann. Es wird persönlich, es wird mitreißend, und dann ist es plötzlich aus. Und es hat einfach alles gepasst.

„Marie’s Room“ ist völlig kostenlos auf STEAM erhältlich.

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1 reply »

  1. „Marie’s Room“ habe ich auch erst vor wenigen Tagen gespielt und es hat mir auch sehr gut gefallen. Es war so ein bisschen wie ein „Life Is Strange“ light und in Egoperspektive, die allgemeine Stimmung, die „Zeitreise“ und die Musik sind LiS sehr ähnlich. Es hätte gerne ein paar Minuten länger gehen dürfen. Aber so kann ich wenigstens nochmal auf die Jagd nach den fehlenden zwei Errungenschaften gehen, 🙂

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