Adventure

[Review] Old Man’s Journey – Ein Wettrennen mit der Vergangenheit

Obwohl unser Indie-Themen-Monat erst im März ansteht, konnte ich meine Finger nicht davon lassen, Old Man’s Journey jetzt schon zu spielen. Das Puzzle-Adventure des Wiener Indie-Studios Broken Rules besticht mit einer wunderschönen, warmen Bilderbuch-Grafik und einer Story, die ans Herz geht – aber wie funktioniert das auf Touchscreen ausgelegte Spiel auf einem gewöhnlichen PC?


Old Man’s Journey

Genre: Puzzle, Adventure, Gelegenheitsspiel, Indie
Plattform: PC, iOS, Android
Erscheinungsdatum: 18. Mai 2018
Entwickler: Broken Rules
Publisher: Broken Rules
Sprache: //
Preis: 7,99€

Hier geht’s zum Spiel…


Wo Himmel und Erde sich berühren

Old Man’s Journey braucht keine Worte, um eine Geschichte zu erzählen. Stattdessen benutzt es die Kraft der Bilder, um mit Farben, Formen und Musik Stimmungen zu erzeugen und uns nach und nach die Puzzleteile der Story in unserem Kopf zusammensetzen zu lassen. Zu Beginn beobachten wir einen alten, freundlichen Mann dabei, wie er auf der Veranda seines Hauses steht und verträumt aufs Meer hinaus blickt. Wir kennen weder seinen Namen, noch wissen wir irgendetwas anderes über ihn, dass für uns mehr aus ihm machen würde als einen Fremden. Und doch wirkt er so seltsam vertraut, als er den einen Brief vom Postboten erhält, der ihn kurz erschrocken innehalten lässt, um sich dann beherzt einen schweren Rucksack auf den Rücken zu hieven und loszutrotten. Aber warum? Und wo will er hin? Was stand in dem Brief? Von wem war die Nachricht? Ich hätte sie ihm am liebsten alle Fragen gleichzeitig gestellt, doch das Tempo des Spiels rief mich zur Geduld und fütterte mich nur häppchenweise mit Hinweisen auf die Identität des Mannes und den Grund seiner Reise – bis ich am Schluss mit einem warmen Gefühl im Bauch vor dem Abspann saß und ein bisschen wehmütig wünschte, ich könnte diese Reise noch einmal so ganz ohne Vorwissen von vorn beginnen.

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© Broken Rules

Wie beschwerlich und lang diese Reise für den alten Mann sein würde, konnte ich zu Beginn noch nicht ahnen – schließlich wusste ich ja noch nicht einmal wo er hin wollte. Alles, was ich wusste war, dass ich ihn irgendwie dabei unterstützen musste, sein Ziel zu erreichen. So versuchte ich durch wildes Klicken seinen Weg durch die hügeligen Landschaften zu finden, stieß dabei jedoch recht schnell auf unüberwindbare Hindernisse. Ein Tutorial, eine Hilfe oder überhaupt irgendeine Text- oder Sprachausgabe, an der ich mich orientieren konnte, suchte ich dabei vergeblich und entdeckte die Mechaniken des Spiels dadurch eigentlich eher durch Zufall. Da Old Man’s Journey eigentlich auf Touchscreens ausgelegt ist, hätte ich mir gleich denken können, dass seine Steuerung auf Klicken und Ziehen – und nicht etwa auf Knöpfe-Drücken – ausgelegt ist.

Unsere Aufgabe als Spieler ist es nun also, den alten Mann über die verschiedenste Hindernisse zu lotsen. Dies tun wir, indem wir die Hügel und Bergketten, die Vorder- und Hintergrund des Bildschirms zieren, durch Ziehen auf eine bestimmte Höhe anhaben oder hinabsenken. Auf diese Weise kann der alte Mann dort, wo sich die Konturen zweier Hügel in der 2D-Ansicht berühren, ganz einfach von einem auf den anderen Hügel hinüberspringen. Den Boden, auf dem unser Protagonist gerade steht, können wir dabei nicht verändern – wir müssen also sehen, dass wir ihn erst irgendwo zwischenstationieren, wenn wir damit weiterkommen wollen. Natürlich musste ich bei diesem etwas surrealen Anteil des Spiel überrascht blinzeln, empfand es aber für die Gesamterfahrung alles andere als störend, dass der alte Mann die Gesetze der Physik zu seinen Gunsten beugte. Im Gesamtkontext des Spiels konnte ich es sehr gut als künstlerische Freiheit verbuchen – denn das ist Old Man’s Journey. Es ist ein kleines Stückchen Kunst.

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© Broken Rules


Ein Wettrennen mit der Vergangenheit

Die Hügel, Berge und Dächer sind nicht das Einzige, was dem alten Mann auf seiner Reise im Weg steht. Je weiter wir in der Geschichte voranschreiten, desto komplexer werden auch die Level und die mit ihnen verbundenen Rätsel. Bald müssen wir uns mit Wasserfällen, Schafsherden, rollenden Steinplatten, Zügen und Autos beschäftigen – nicht etwa Räubern, wilden Tieren oder gefährlichen Todesfallen. Die Reise ist nicht darauf ausgelegt, den alten Mann in Lebensgefahr zu bringen, doch das heißt nicht, dass sie für ihn nicht mindestens genauso beschwerlich ist. Am Ende eines jeden Levels, muss er sich hinsetzen und ein bisschen Pause machen – und verliert sich dabei in den Erinnerungen an sein eigenes, längst vergangenes Leben, an das Glück, das Glück in seinen Händen und die Fehler, die begangen hat, um es zu verlieren. Wir begleiten ihn durch diese Erinnerungen, erhalten dabei aber immer nur ein einziges Bild pro Level, anhand dessen wir uns einen Reim auf sein bisheriges Leben machen müssen. Die Bilder sind jedoch so geschickt designt, dass es gar nicht mehr braucht, um schon ab der Hälfte des Spiels ungefähr zu wissen, was geschehen ist. Und wunderschön anzuschauen sind sie obendrein.

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© Broken Rules

Je weiter wir auf unserer Reise kommen, desto mehr erfahren wir über den alten Mann. Dabei gleicht sich die Stimmung des Spiels mit seinen Farben, seiner Musik und seinen zunehmend bedrohlicheren Rätseln an die Stimmung der Erinnerungen an, die unseren Protagonisten heimsuchen: Der Himmel wird dunkler, ein Sturm zieht auf, die Musik braust in unseren Ohren. Und plötzlich können wir nicht mehr anders, als den alten Mann in einem Rutsch ans Ziel zu bringen – die Vorstellung, ihn auch nur eine Sekunde länger irgendwo in der kalten Fremde sitzen und darauf warten zu lassen, dass wir das Spiel irgendwann wieder in die Hand nehmen, ist einfach zu schrecklich. Für uns Spieler mag Old Man’s Journey nur etwa 1 1/2 Stunden Spielzeit beinhalten – für den alten Mann ist es, als würde er sein Leben und dessen Konsequenzen ein zweites Mal erfahren. Die Stunden des beschwerlichen Auf- und des gefährlichen Abstiegs will man ihm einfach so einfach wie möglich machen.

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© Broken Rules

Irgendwann lichten sich dann die Wolken und wir sehen den blauen Himmel über uns schimmern. Das Schlimmste scheint überstanden zu sein, die Gedanken des alten Mannes nehmen wieder sanftere Formen an, die Musik wird wärmer, einlullender und die Farben wandern von einem hoffungstragenden Blau zu einem gemütlichen, heimeligen Mittagsrot und zeigen uns, dass wir es geschafft haben. Wie dringend unsere Reise war – und weshalb wir sie überhaupt haben bestreiten müssen – erfahren wir in der letzten Szene des Spiels. Gelohnt hat sie sich auf alle Fälle, doch bleibt der bittere Beigeschmack, viel zu spät dran zu sein, bis zum Ende und auch darüber hinaus. Old Man’s Journey erinnert auf fantastische, sanfte, warme und irgendwie auch tragische Weise daran, dass man im Leben nicht unendlich viel Zeit hat – dass es eine Reise ist, mit einem Anfang, einem Ende und einer Menge Hindernisse, Höhen und Tiefen zwischen Anfang und Ende. Es erinnert daran, wie wichtig es ist, ein Ziel zu haben und sich nicht davon abbringen zu lassen. Wie wichtig es ist, zu leben und zu wissen, wofür man lebt. Und vor allem: Wie wichtig die Familie ist – und wie wichtig sie für immer sein wird.


Wertung 

Old Man’s Journey ist, was der Titel sagt: Die Reise eines alten Mannes. Es ist kein actiongeladenes Mini-Game, in das man so viel Geld, Zeit und Geduld stecken muss wie nur möglich, um voranzukommen. Dieses Spiel erzählt eine Geschichte ganz ohne Worte und verlässt sich dabei voll und ganz auf seine wunderschönen Bilder und Farben, seine atmosphärische Musik. Das Gameplay hätte für ein „Spiel“ im Sinne des Zeitvertreibs sicherlich ausgefallener und spannender sein können. Die Rätsel waren absolut machbar und haben nur an ein paar wenigen Stellen etwas mehr Zeit für meine Überlegungen verlangt als im restlichen Spiel. Wer also eine große Rätsel-Herausforderung sucht, sollte sich hier nicht allzu viel Hoffnungen machen. Aber das ist auch nicht das, was Old Man’s Journey ausmacht und auch nicht das, was es von seinen Spielern verlangt. Für dieses Spiel muss man sich Zeit nehmen. Man muss sich auf die wunderschöne Geschichte einlassen und einem alten Mann helfen, an das Ziel seiner Träume zu gelangen – egal, wie lange er dafür braucht. Es geht um ihn, die Figur, und damit im weitesten Sinne auch um jeden Einzelnen von uns. Denn wir könnten alle irgendwie er sein. Irgendwann. Old Man’s Journey mag zwar ein Puzzle-Adventure sein, aber es ist vor allem ein Gesamterlebnis, das eine ganz bestimmte Nachricht für uns bereit hält – und uns daran erinnert, was im Leben wirklich wichtig ist.


Wertung: 89%

METACRITIC: 77%

+ eine schöne Geschichte mit toller Message
+ kunstvolles Artdesign
+ gezieltes Spiel mit der Atmosphäre
+ schöner, treffender Soundtrack
+ genau die richtige Spiellänge


– Rätsel mit der Zeit etwas eintönig
– Rätsel z.T. zu leicht
– ein paar kleine Bugs

Ich danke dem Team von BROKEN RULES für die Möglichkeit, Old Man’s Journey offiziell testen zu dürfen!

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