Action

[Review] Tooth and Tail – Weiche Schale, Harter Kern

Tooth & Tail ist eines von diesen Spielen, die leicht zu bedienen, aber hart zu meistern sind. Als ich vor einigen Monaten auf das Spiel aufmerksam wurde, hat mich zunächst sein wunderbares Art-Design angesprochen. Toll, ein Age of Empires mit Mäusen, Ratten, Mardern und Füchsen, dachte ich. Als die Tiere den Wald verließen, nur etwas blutiger, dachte ich. Und dann kam alles ganz anders…

 

Tooth and Tail

Genre: Echtzeit-Strategie, Action, Indie
Plattform
: PC [Steam, GOG], PlayStation 4
Erscheinungsdatum: 12. September 2017
Entwickler: Pocketwatch Games
Publisher: Pocketwatch Games
Preis: 19,99€

Hier geht’s zum Spiel…

 

Die Story

Als ich das Art-Design das erste Mal sah, dachte ich tatsächlich, es handle sich um ein vergleichsweise „kinderfreundliches“ Spiel – und habe damit den Fehler gemacht, den ich an so manchen anderen Erwachsenen immer bemängelt habe, wenn es um Comics, Manga oder Anime ging: Ich hatte Vorurteile. Wie konnte ich beim Anblick der an einen SS-Kommandanten aus dem 2. Weltkrieg erinnernde „Quatermaster“ (siehe Bild links; sie ist weiblich) glauben, dass die Story „kinderfreundlich“ sein würde? Umso positiver überrascht war ich, als ich letztlich herausfand, wie schön düster und makaber die Story eigentlich ist.

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© Pocketwatch

Mit Ausnahme der Schweine besteht die Gesellschaft in Tooth and Tail ausschließlich aus Tieren, die entschieden haben, Fleischfresser zu sein (Ja, auch niedliche kleine Eichhörnchen) – und eigentlich nur solange miteinander auskommen, solange klar ist, wer das Fleisch ist und wer die Fresser. Eine Weile ging das auch gut: Der Klerus entschied anhand eines Lotterie-Systems, wer zu Fleisch gemacht werden soll, um den Rest der Gesellschaft zu ernähren. Doch niemand springt gern freiwillig in die Pfanne, um Futter für die anderen zu sein – und als der Sohn des Mäuserichs Bellafide (blau) dazu ausgewählt wird, zu Bacon verarbeitet zu werden, erhebt er sich gemeinsam mit seinen „Longcoats“ zur Revolution gegen das Regime. Sein Plan ist es, eine Futterkette basierend auf den Regeln einer Leistungsgesellschaft aufzustellen. Auch das „einfache Volk“ („Common Folk“) lehnt sich gegen die bestehenden Zustände auf – und auch, wenn sich die Ansichten der Commons und der Longcoats recht maßgeblich unterscheiden, entschied die einarmige Anführerin des gemeinen Volks, Hopper (rot), sich Bellafide im Kampf anzuschließen. Auf der Gegenseite wird die Armee des Klerus vom Priester Archimedes (gelb) angeführt, der alles dafür tun will, die herrschenden Zustände zu wahren und alles seiner rechten Ordnung zurückzuführen. Ihm zur Seite steht dabei die dubiose, aber recht pragmatisch veranlagte Quartiermeisterin (grün), die als Leiterin der Geheimpolizei einen großen Einfluss auf militärische Mittel hat.

 

Gameplay & Combat

Der Storymodus von Tooth and Tail lässt sich nur als Singleplayer spielen. Beginnend mit Bellafide spielen wir im Verlauf der Story jede einzelne Fraktion im Kampf gegen die anderen. Dabei können wir Missionen spielen, die wir bei Mitgliedern unserer Fraktion in unserer jeweiligen Basis erhalten. Wahlweise können wir dort auch die Missionen wiederholen, die wir bereits gespielt und abgeschlossen haben. Nach Abschluss einer Mission wird irgendwo auf der Basis-Map eine neue Mission freigeschaltet, die die Story weiterführt. Wir können uns zwischen den Matches aber auch ganz bequem mit den herumstehenden NPCs unterhalten, um mehr über die Story bzw. die aktuelle Kriegslage zu erfahren. Da das Spiel jedoch noch keine deutschen Bildschirmtexte besitzt, ist es auch für geübte Nicht-Muttersprachler manchmal schwer, den Gesprächen zu folgen, da sie oft im tiefsten Dialekt geschrieben sind. Die Figuren selbst haben zwar eine Sprachausgabe, diese klingt aber nach einem melodiösen Fantasie-Russisch und ist nicht textbegleitend, sondern besteht aus ein paar Catch-Phrases, die die Charaktere immer wiederholen. Die Anspielungen an die russische Revolution oder George Orwells Klassiker „Die Farm der Tiere“ sind auf jeden Fall spürbar.

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© Pocketwatch

Das Spielprinzip ist relativ simpel: Man selbst steuert nur den jeweiligen Anführer einer der vier Armeen, mit dem man Gebäude bauen und abreißen oder seine Armee befehligen kann. Zentrum der Schlacht ist die eigene Getreidemühle, um die herum man Felder bauen muss, um Nahrung zu erhalten (In Zeiten des Krieges, muss man eben auf Fleisch verzichten). Nahrung ist die Währung des Spiels, mit der sich weitere Gebäude und Verteidungsanlagen bauen lassen. Das Haushalten mit der Nahrung stellt sich schnell als relativ knifflig heraus, denn Gebäude zu bauen, aus denen Einheiten spawnen, ist unerwartet teuer (zwischen 60 – 180) und jede automatisch daraus spawnende Einheit kostet wieder Nahrung (zwischen 60 – 180). Ein Feld zu bauen kostet allein 60 Nahrung. Die Felder werden von Schweinchen bestellt, die pro Sekunde ein paar Nahrungseinheiten in die Nahrungskasse einzahlen.

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© Pocketwatch

Hat man etwas gebaut, muss man warten, bis die Kasse wieder voll ist, bevor man wieder etwas bauen kann. Je mehr Felder man hat, desto schneller geht das logischerweise. Doch da auch die Einheiten aus den Gebäuden jeweils kosten und diese automatisch hergestellt werden, sobald genug Nahrung vorhanden ist, wird immer wieder zwischendurch Nahrung abgezwackt. Jedes Gebäude hat eine maximale Anzahl an Einheiten, die es produzieren kann. Sind beispielsweise alle 3 Eichhörnchen-Einheiten hergestellt, produziert das zugehörige Gebäude keine weiteren und es wird auch keine Nahrung mehr benötigt. Einheiten kosten nur bei ihrer Erschaffung, nicht aber in ihrer Haltung. Leider darf man sich mit dem Aufbauen der Armee nicht allzu viel Zeit lassen, denn irgendwann werden die Felder faulig und unbrauchbar und dann muss man sich eine neue Getreidemühle suchen, um überhaupt noch Nahrung produzieren zu können. Keine Nahrung = keine Einheiten = keine Armee = Game Over. Ganz einfach.

Im Verlauf der Story hat man für jedes Match eine maximale Anzahl unterschiedlicher Einheiten bzw. Gebäude zur Verfügung: Maximal 6 verschiedene Einheiten/Gebäude kann man pro Schlacht verwalten (Je nach Storyabschnitt gibt es manchmal auch weniger). Es ist allerdings möglich, von jeder dieser Einheiten/Gebäude mehr als nur eins zu bauen: Baut man einen Eichhörnchen-Bau, kann dieser 3 Eichhörnchen produzieren. Baut man einen zweiten, kann dieser auch 3 produzieren, damit hat man 6 Eichhörnchen-Einheiten, usw.. Spezielle Individuen wie die Scharfschützin Kasha können nur ein einziges Mal auf dem Feld existieren (also keine zwei Kashas gleichzeitig möglich). Stirbt Kasha, kostet es Nahrung, bis sie automatisch erneut produziert wird.

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© Pocketwatch

Während Einheiten produziert werden, macht es Sinn, die Umgebung zu erkunden, um das Lager des Gegners und seine Armee ausfindig zu machen. Hat man schließlich eine brauchbare Armee, kann man versuchen, ihn anzugreifen. Das Steuern der eigenen Armee geht dabei relativ simpel: Linksklick befehligt eine Gruppe, Rechtsklick die ganze Armee. Klicken heißt Angriff, Halten heißt Rückzug. Je nach Missionsbeschreibung variierend, liegt der Schlüssel zum Erfolg meistens darin, die Getreidemühlen des Gegners zu zerstören. Da der Gegner jedoch die selbe Aufgabe hat, ist es – typisch für Echtzeit-Strategie – von Gegner und Strategie abhängig, wie man am besten vorgeht. Angriff ist die beste Verteidigung? Oder sich lieber mit Geschütztürmen verbarrikadieren und warten, bis die gegnerische Armee sich tot läuft, damit man selbst zuschlagen kann? Auch möglich. Aber als Faustregel gilt: Je länger man wartet, desto stärker wird der Gegner. Es empfiehlt sich meistens, so früh wie möglich zuzuschlagen und die Felder des Gegners zu sabotieren, damit seine Nahrungszufuhr eingeschränkt bleibt und er weniger Einheiten produzieren kann.

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© Pocketwatch

Die Missionen selbst sind unfassbar gut designt. Jede einzelne ist unterschiedlich aufgebaut und wartet mit abwechslungsreichem Gameplay auf. Mal muss man die gegnerische Getreidemühle (die Basis der Schlacht) zerstören, mal ohne Basis und nur mit einer kleinen Armee im Rücken, alle Gefangenen auf der Karte befreien. Manchmal muss man eine Armee aufbauen, indem man Nahrung von Händlern klaut, weil man selbst keine eigene Getreidemühle hat. Jede Mission kommt mit einem Hauptziel und einem oder mehreren (heroischen) Nebenzielen, die das Spielen noch herausfordernder machen. Außerdem kommt jede Mission mit eigenen Schlachtbedingungen, die das Spiel auf die eine oder andere Weise beeinflussen: Manchmal hat das Wasser heilende Kräfte, sodass man seinen Hauptmann und seine Armee im Wasser heilen kann, manchmal gibt es starken Wind, dann kommt man langsamer voran, manchmal ist es so heiß, dass Einheiten außerhalb des Heimatgebiets Schaden nehmen. Es ist unglaublich spannend die Missionen der Storykampagne zu spielen und sich zu fragen, was als Nächstes kommen wird. Einfach ist das Spiel auf keinen Fall, ich habe mir schon ab Midgame an jeder einzelnen Mission mehrmals die Zähne ausgebissen, bevor ich die richtige Strategie parat hatte, das Spiel zu schlagen. Jede Mission ist anders! Und das ist auch gut so.

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© Pocketwatch


Multiplayer 

Der Multiplayer in Tooth and Tail bietet unterschiedliche Möglichkeiten, mit mehreren Spielern zu spielen. Ein Offline-Modus ermöglicht es euch, Splitscreen mit einem Partner gegen andere Gegner oder gegeneinander (maximal zu viert) zu spielen. Im Unranked-Modus könnt ihr ein Online-Spiel erstellen, zu dem ihr Spieler aus eurer Freundesliste einladen könnt, oder in das fremde Spieler, die Tooth and Tail spielen, miteinsteigen können (maximal zu viert). Im Ranked-Modus werdet ihr basierend auf eurem Ranking mit einem fremden Spieler gematcht. Gewinnt ihr, erhaltet ihr einen Stern. Eine bestimmte Anzahl an Sternen führt dazu, dass ihr im Ranking aufsteigt.

In allen Fällen könnt ihr im Multiplayer-Modus eure Fraktion bzw. euren Hauptmann aus den vier bestehenden Farben auswählen. Anschließend wählt ihr die sechs Einheiten/Gebäude, die ihr während der Schlacht bauen können wollt. In dieser Ansicht werden euch die Werte der Einheiten, ihre Stärken und Schwächen, angezeigt und ihr habt Zeit, euch die eine Kombination aus 6 der 20 möglichen Einheiten zusammenzustellen. Das ist gerade als Anfänger relativ tricky, denn jede Einheit spielt sich und kämpft anders und jede Einheit kann durch eine andere gecountert werden.

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© Pocketwatch Games

Der Multiplayer-Modus ist im Vergleich zum Story-Modus nochmal eine vollkommen andere Welt. Wir haben es nicht mit KI-Gegnern zu tun, sondern meistens mit bereits erfahreneren Spielern, die ihre Einheiten gut kennen. Ich hatte meine Probleme, überhaupt mal ein Match länger durchzuhalten. Glücklicherweise ist das Spiel so konzipiert, dass eine Schlacht nur zwischen 6 und 12 Minuten dauert, sodass der Spaß ein kurzweiliger ist und bei hoher Verlustrate der Frust nicht allzu hoch werden kann. Außerdem lassen sich die Matches so gut mal zwischendurch spielen, wenn man nur ein begrenztes Zeitfenster hat.

 

Wertung

Tooth and Tail beweist, dass die Echtzeit-Strategie noch lange nicht am Ende ist. So leicht die Bedienung des Spiels an sich auch sein mag, die Schlachten und Missionen haben es definitiv in sich, sowohl im Einzelspieler-, als auch im Mehrspielermodus. Was mir schwer zu schaffen machte war die Geschwindigkeit des Spiels: Es gibt kaum eine Möglichkeit zum Verschnaufen, jeder Schritt, jedes Gebäude, jede Einheit will genau überlegt sein und jeder Fehler kann schwer geahndet sein. Wer die gegnerischen Einheiten nicht kennt, der hat sowohl in der Story als auch gegen echte Spieler einen riesigen Nachteil. Das Spiel nimmt einen in Bezug auf die 20 verschiedenen Einheiten und ihre Fähigkeiten aber auch überhaupt nicht an die Hand, sodass einem nichts anderes übrig bleibt, als aus den Niederlagen zu lernen. Dass eine Armee aus Schlangen jede Bodenarmee mit ihrem Gift einfach wegbrutzelt wie nichts oder dass Flugeinheiten nur von ein paar wenigen Bodeneinheiten wirklich effektiv gekontert werden können, erfährt man schmerzlich am eigenen Leib. Aber was ist denn nun besser? Flinke Eichhörnchen mit Schusswaffen? Flinke Salamander mit Speeren? Scharfschützin Kasha oder lieber ein Wildschwein mit Flammenwerfer? Und vor allem: Was wird der Gegner nehmen? Wer die Wahl hat, hat die Qual.

 

Wertung: 87%

METACRITIC: 82%

+ hoher Schwierigkeitsgrad
+ kurzweilige, herausfordernde Schlachten
+ 20 verschiedene Einheiten
+ abwechslungsreiche Missionen im Story-Mode
+ tolles Art-Design
+ düstere, morbide Story


– wenig Hilfestellung für Anfänger
– schlecht zugängliche Informationen über Einheiten
– zum Teil unübersichtliche Schlachten
– Nahrungs-System manchmal zu einschränkend

 

 

Ich danke dem Team von POCKETWATCH GAMES für die Möglichkeit, Tooth and Tail offiziell testen zu dürfen!

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